Die Fußball-WM 1954

Das Wunder von Bern


„Wir sind wieder wer!“ - Das Wunder von Bern

Die Spieluhr als Denkmal erinnert heute an das einstige "Wunder" von Bern
Die Spieluhr als Denkmal erinnert heute an das einstige "Wunder" von Bern

 „Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus!“. Die Rundfunkreportage Herbert Zimmermanns ist fester Bestandteil bundesdeutscher Zeitgeschichte. Nach dem Tor von Max Morlock und zwei Treffern von Helmut Rahn gewinnt die Bundesrepublik Deutschland im Berner Wankdorfstadion gegen den Top-Favoriten Ungarn zum ersten Mal die Fußballweltmeisterschaft.

Vor den wenigen Fernsehgeräten, die es in diesen frühen fünfziger Jahren im Nachkriegs-Deutschland gab, tanzten die Fans. Es war die Sekunde, die alles veränderte. Helmut Rahns Tor verschlug dem Radio-DDR-Journalisten Wolfgang Hempel in Bern derart die Sprache, dass er sie in seiner Reportage aus dem Wankdorfstadion erst vierzig Sekunden später wieder fand. Ein paar Meter weiter schluchzte sein ungarischer Kollege ins Mikrofon: „Es ist eine Katastrophe.“ Denn Ungarns Fußballer galten als klare Favoriten – die Deutschen waren lediglich Außenseiter.

 

Sie hielten sich an den Händen. Es war wohl eine Mixtur aus Erschöpfung und Ergriffenheit, die ihnen die Sprache nahm. Stumm standen sie da auf dem regentiefen Rasen des Berner Wankdorfstadions, lauschten den blechernen Klängen ihrer Nationalhymne. Und als das Zeremonielle vorbei war, sagte Fritz Walter: „Kinder – jetzt geht die Welt unter…“ Sie ging nicht unter, doch die Welt sprach von einem „Wunder“. Wer sich an diesen Tag erinnern kann, dem wird stets einfallen, wo er sich aufhielt, was er dachte und fühlte im Moment des 3:2-Sieges einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Finale des WM-Turniers in der Schweiz.

 

Der Sieg der „Helden von Bern“ 1954 förderte das Selbstwertgefühl der Bevölkerung und wirkte identitätsstiftend in der noch jungen Bundesrepublik. „Wir sind wieder wer!“ war als Motto in aller Munde.

 

Deutschland im Weltmeister-Fieber

Die Weltmeister kehrten im Sommer 1954 als umjubelte Idole in ihre Heimat zurück. Es war noch nicht die Zeit der Superstars des Fußballs, und so blieben die „Helden von Bern“ das, was sie schon vorher waren: Tankwarte, Kinopächter, Weinvertreter oder Besitzer einer Totoannahmestelle. Patriotische Amateure eben – und durchweg nette Kerle. Für die Fußball-Weltmeister aus Deutschland gab es viel Ehr’ und wenig Lohn.

 

Fritz Walter und seine Kameraden waren überwältigt von der Flut der Sympathien, die über sie hinwegschwappte. Nach dem 3:2 gegen Ungarn wurde die Bahnfahrt von Spiez am Thuner See über Interlaken und Zürich diesseits der deutschen Grenze zu einem gigantischen Triumphzug.

 

In Singen, der ersten Station auf heimischem Boden, erwarteten 25 000 Menschen im hoffnungslos überfüllten Bahnhof die Weltmeister. Schließlich kam der Zug auf dem Münchener Hauptbahnhof zum Stehen. Als die frischgebackenen Fußball-Weltmeister in offenen Mercedes-Karossen durch die bayerische Metropole chauffiert wurden, standen die Menschen auf den Wellblechdächern der Behelfsbuden und den Arkaden der Geschäfte – auf dem Marienplatz kam der Zug schließlich nicht mehr voran.

 

Es war der Beginn eines Ehrungs-Marathons, wie ihn der deutsche Sport nie wieder erlebte. Als Prämie für den unwahrscheinlichen Fall des Titelgewinns hatten die Spieler 1000 Mark ausgehandelt – und dazu noch einmal 200 Mark für jeden WM-Einsatz. Im niederbayrischen Dingolfing nahm jeder einen Motorroller der Marke Goggomobil sowie ein Fernsehgerät in Emfang.

 

Bundestrainer Sepp Herberger (rechts) im Gespräch mit dem Staatstrainer der DDR, Oswald Pfau.
Bundestrainer Sepp Herberger (rechts) im Gespräch mit dem Staatstrainer der DDR, Oswald Pfau.

Mit Ordnung, Disziplin und Kampfgeist zum Titel

Als Außenseiter gestartet, erreichten die Spieler unter der Führung von Kapitän Fritz Walter und Bundestrainer Sepp Herberger mit Ordnung, Disziplin und Kampfgeist die Überraschung. Der unerwartete Erfolg symbolisierte für viele zugleich den politischen und wirtschaftlichen Aufbau in der Bundesrepublik.

Politik und Presse waren bemüht, die allgemeine Begeisterung herunterzuspielen, um den Weg der jungen Republik in die Souveränität nicht zu gefährden, aber in der Bevölkerung in West- und Ostdeutschland war der Freudentaumel groß. Fußball wird zum Nationalsport.

 

Das Turnier verhalf auch dem Fernsehen zum Durchbruch: 1954 stieg die Zahl der verkauften Fernseher von knapp 1.000 auf über 80 000.

 

Bundestrainer Sepp Herberger, den seine Spieler schlicht „Chef“ nannten und für den sie fast ausnahmslos ihr Leben lang väterliche Gefühle hegten, hat nie von einem „Wunder“ gesprochen, wenn er sich zu den Ereignissen von Bern äußerte. Für ihn war der Sieg im WM-Finale insbesondere die Erfüllung eines Lebenstraums, eines Wirkens, das geprägt war von Disziplin und von der Sehnsucht, eine Mannschaft zu formen, auf die er sich verlassen konnte. Im Regen von Bern hoben ihn seine Spieler auf die Schultern und trugen ihn in die Kabine.

 

Die wahre Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland

4. Juli 1954 – es ist der wohl ungewöhnlichste Tag der deutschen Fußballgeschichte: Der „Spiegel“ analysierte in der darauf folgenden Woche die Glücksgefühle der Deutschen mit den Worten: „Es ist so, als hätten sie nun, im Sommer 1954, nach zwanzighundertjährigem geschichtlichen Irrweg den alleinigen verheißungsvollen Sinn und die wahre Bestimmung ihrer nationalen Existenz entdeckt.“

 

Einig in der Beurteilung dieses Ereignisses waren sich der Politologe Arthur Heinrich und der Historiker Joachim Fest. Beide stellten einen Zusammenhang zwischen dem Weltmeisterschafts-Triumph von 1954 und der „wahren Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland“ her. Unbestritten erzeugte das „Wunder von Bern“ eine mentale Aufbruchsstimmung im Lande. „Wir waren stolz darauf, unserem Heimatland neuen Mut gegeben zu haben“, formulierte es später Sepp Herberger, der Baumeister des Weltmeisters. Wie 35 Jahre später der Fall der Mauer löste dieser WM-Sieg nicht nur bei den Fußballsympathisanten zwischen Konstanz und Kiel einen Gefühlsstau und beflügelte einen Prozess der Selbsterkennung.

 


Das Duell „Ost gegen West“ – Die WM 1974

Johan Cruyff (Niederlande) kurz vor dem Foulspiel durch Uli Hoeneß
Johan Cruyff (Niederlande) kurz vor dem Foulspiel durch Uli Hoeneß

Zwanzig Jahre nach Bern folgt 1974 in München gegen die Niederlande der zweite Titelgewinn. Paul Breitner und Gerd Müller sind die Torschützen. Die Nationalelf um Kapitän Franz Beckenbauer und Trainer Helmut Schön geht als amtierender Europameister ins Turnier, vermag aber nicht, die erhoffte Begeisterung zu wecken. Die Vorrundenpartie gegen die DDR verliert sie durch ein Tor von Jürgen Sparwasser 1:0.

 

Die Konkurrenz der politischen Systeme in Ost und West überschattete den sportlichen Wettkampf und verleiht diesem ersten und einzigen innerdeutschen Duell besondere Bedeutung. Politik und Medien drängten den Fußball an den Rand. Die WM 1974 setzte neue Maßstäbe der Kommerzialisierung: Stadien und Spielmodus waren auf die Bedürfnisse des Fernsehens ausgerichtet, die Nationalspieler forderten selbstbewusst ihre Rechte ein und zwangen den DFB zur Erhöhung der WM-Prämie auf

70 000 DM.


Die Wiederbelebung des Fußballs 1990

In Rom gewann 1990 die Nationalmannschaft durch ein Tor Andreas Brehmes gegen
Argentinien zum dritten Mal die Weltmeisterschaft. Franz Beckenbauer gelang es als Teamchef, die Fußballbegeisterung wieder zu erwecken, nachdem in den 1980er Jahren Schattenseiten des Spiels wie Gewalt und Rassismus die Schlagzeilen bestimmten. Die furiosen Auftritte der Nationalelf beim Weltcup mobilisierten die Massen, die Spiele wurden zum Event mit Party und Autocorso. Fast 29 Millionen Bundesbürger, weltweit nahezu 1,8 Milliarden Menschen, verfolgten das Endspiel im Fernsehen.

 

Die Vermarktung der WM erreicht ein nicht gekanntes Ausmaß: ARD und ZDF zahlen 17 Millionen DM für die Übertragungsrechte. Neben Sponsoring- und Merchandisingerlösen in Milliardenhöhe fielen die Einnahmen aus Eintrittsgeldern kaum noch ins Gewicht.

 

Fußball vereint West- und Ostdeutschland

Politisch fiel die WM in Rom in eine Zeit des Umbruchs. Nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 war der Weg zur deutschen Einheit frei. Bereits vor WM-Beginn hatten sich erste ostdeutsche Spieler Bundesligavereinen angeschlossen. Fußball wurde von der Zeitgeschichte überholt: Die Auslosung zu der nach der WM anstehenden EM-Qualifikation sah ein deutschdeutsches Aufeinandertreffen vor. Nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 waren diese Spiele „Wir gegen uns“ (Bild) je doch nicht mehr erforderlich.


Die Fußball-WM 2014 - Deutscher Sieg in Brasilien

113. Minute: Mario Götze schießt das 1:0 für Deutschland
113. Minute: Mario Götze schießt das 1:0 für Deutschland

Am 13.07.2014 schoss Mario Götze in der 113. Minute das 1:0 im Finale gegen Brasilien und sicherte damit der Deutschen Nation den vierten WM-Titel. Mit dem Sieg über Argentinien ging der WM-Titel zum dritten Mal in Folge an eine europäische Mannschaft.

Während des Turniers wurde der Torrekord von 1998 eingestellt. Insgesamt schossen 32 Mannschaften 171 Tore, wobei Deutschland mit 18 Treffern deutlich als Schützenkönig hervorging.

 

Mit dem Pokal in den Händen kehrte die Nationalmannschaft am 15. Juli nach Deutschland zurück. Nach einem Überflug der Fanmeile und einer Fahrt mit  offenem Bus wurden "die Helden" von ca. einer halben Million Fans in Empfang genommen und gebührend gefeiert. 

 

Im November 2014 feierte der Dokumentarfilm "Die Mannschaft" Premiere, der die Fussball-WM in Brasilien aus Sicht der deutschen Nationalspieler zeigt.