Hans-Dietrich Genscher

In Erinnerung an den "Architekten der deutschen Einheit"


Die Ausreiseerlaubnis 1989

 „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ Mit diesen Worten vom Balkon der Botschaft Bundesrepublik Deutschland in Prag öffnete Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989 die Tür in den Westen und schrieb Geschichte. Das Ende dieses historischen Satzes ging im tosenden Jubel der etwa 4.000 ausreisewilligen DDR-Bürger unter: Ihre Ausreise per Sonderzug in Richtung Westdeutschland war genehmigt worden. Eine Sternstunde der Deutsch-Deutschen Geschichte und zugleich der vielleicht wichtigste Moment des Staatsmannes Genscher in 18 Jahren Amtszeit. Zum 25. Jubiläum der Deutschen Einheit im Jahr 2015 durfte der ehemalige Außenminister diese „Balkonszene“ - unvergesslich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt - in der Prager Botschaft noch einmal wiederholen. Ein Zeitzeuge, der selbst zur historischen Schlüsselfigur wurde.

Die Überreichung eines Stückes der Berliner Mauer an Präsident George H. W. Bush durch Hans-Dietrich Genscher (November 1989)
Die Überreichung eines Stückes der Berliner Mauer an Präsident George H. W. Bush durch Hans-Dietrich Genscher (November 1989)

Mit 89 Jahren verstarb am 31. März 2016 Hans-Dietrich Genscher - der „ewige Außenminister“, der sich auch nach Beendigung seiner Amtszeit konsequent weiter für seine Ideale Freiheit und Verantwortung sowie für ein vereintes Europa einsetzte.

 

So bekräftigte der Politiker, der in beiden Teilen Deutschlands zu Hause war, bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte – der Ehrung für sein politisches Lebenswerk im Rahmen der Verleihung des Nachhaltigkeitspreises 2015 - sein Bekenntnis zu einem vereinten Europa:

 

„Wir haben unsere Pflicht nur erfüllt, wenn das in Erfüllung geht, was wir in dieser wunderbaren Nacht des Mauerfalls erhofft haben: Ein Europa des Friedens, da auch zu einem Zentrum und Ausstrahlungspunkt werden kann für eine Welt des Friedens. Das ist die Verantwortung der Deutschen und der Europäer.“

 

Der bisher wohl beliebteste Außenminister der Deutschen nahm diese Verantwortung ernst. Mit Weitsicht und Erfahrung ebnete er durch seine Diplomatie der persönlichen Kontakte den Weg zum Mauerfall und somit zur deutschen Wiedervereinigung.

 

Im Jahre 1989 befand sich Genscher auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere. Er wurde vom Satire-Magazin Titanic sogar zum politischen Superhelden „Genschman“ getauft – als Anspielung auf den Vielflieger mit dem charakteristischen gelben Pullunder. Der Netzwerker war die Führungsfigur der FDP und nach dem Koalitionswechsel von der SPD zur CDU im Jahr 1982 der Mann an Helmut Kohls Seite, der eine zentrale Rolle bei der diplomatischen Vorbereitung der Wiedervereinigung spielte.

 

Bereits 1988 sicherte er sich die Unterstützung der polnischen Opposition zu und erwarb das Vertrauen Michael Gorbatschows. Der Außenminister, der stets auf multilaterale Verträge setzte, war maßgeblich an den internationalen Verhandlungen der Zwei-Plus-Vier-Verträge beteiligt, die er am 12. September 1990 mit unterzeichnete. Erst die Anerkennung dieser Verträge 1991 durch Russland verlieh Deutschland seine volle Souveränität. Ein maßgeblicher Verdienst Hans-Dietrich Genschers. Zu Recht kann man ihn daher als „Architekten der Einheit“ bezeichnen.


Andenken an den "Architekten der Einheit"

Der "Architekt der Einheit" im Dezember 2007
Der "Architekt der Einheit" im Dezember 2007

Der Archiv Verlag ist stolz, Ihnen als Andenken an den "Architekten der Einheit" das Dossier zur deutschen Einheit anbieten zu können und trauert gleichzeitig um seinen Autor und Schirmherren der Sammlung "Deutsche Geschichte in Dokumenten", prägte er doch über Jahrzehnte die deutsche Politik.

 

Das Dossier zur deutschen Einheit umfasst Auszüge aus dem Einigungsvertrag und dem  Einigungsvertragsgesetz, mit denen die langersehnte Wiedervereinigung des deutschen Volkes besiegelt wurde, sowie den wegweisenden Zwei-Plus-Vier-Vertrag. Die Bedeutung dieser Dokumente wird durch die eigenhändige Unterschrift von Hans-Dietrich Genscher und die Kommentierung aus seiner eigenen Feder unterstützt. Seine Schilderungen der dramatischen Geschehnisse aus erster Hand sind für die Nachwelt von unschätzbarem Wert, denn Hans-Dietrich Genscher war nicht nur Zeitzeuge, sondern zugleich Schlüsselfigur der Deutschen Einheit.