Zweiter Weltkrieg Spionage

 

William J. Donovan verdient sich seinen Spitznamen „Wild Bill“ während des Ersten Weltkriegs als furchtloser Befehlshaber eines amerikanischen Regiments in Frankreich. Der Name wird ihn auf den weiteren Stationen seines Lebens begleiten, ob als angesehener Anwalt, als Kandidat für das Amt des Gouverneurs von New York, als Leiter des US-Nachrichtendienstes OSS im Zweiten Weltkrieg oder als Botschafter der USA in Thailand.

 

Donovan

 

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Dokument 1: Die Ernennung William J. Donovans zum Geheimdienst-Koordinator

ERNENNUNG EINES INFORMATIONSKOORDINATORS

Kraft der mir als Präsident der Vereinigten Staaten und als Oberbefehlshaber des Heeres und der Marine der Vereinigten Staaten verliehenen Autorität wird Folgendes angeordnet:

1. Hiermit wird die Position eines Informationskoordinators geschaffen, der befugt ist, sämtliche Informationen und Daten zu sammeln und zu analysieren, die für die nationale Sicherheit von Bedeutung sein könnten; diese Informationen und Daten auszuwerten und sie dem Präsidenten sowie Abteilungen und Beamten der Regierung zur Verfügung zu stellen, die der Präsident dazu bestimmt hat; und auf Ersuchen des Präsidenten weitere Aktivitäten durchzuführen, die die Sicherung von Informationen erleichtern können, die für die nationale Sicherheit wichtig sind und der Regierung derzeit nicht zur Verfügung stehen.

2. Die verschiedenen Abteilungen und Behörden der Regierung stellen dem Informationskoordinator alle Informationen und Daten, die sich auf die nationale Sicherheit beziehen, zur Verfügung, wann immer der Koordinator diese mit Zustimmung des Präsidenten anfordert.

3. Der Informationskoordinator kann Ausschüsse ernennen, die sich aus geeigneten Vertretern der verschiedenen Abteilungen und Behörden der Regierung zusammensetzen und die er als notwendig erachtet, um ihn bei der Erfüllung seiner Aufgaben zu unterstützen.

4. Die Pflichten und Verantwortlichkeiten des Informationskoordinators dürfen in keiner Weise die Pflichten und Verantwortlichkeiten der regulären Militär- und Marineberater des Präsidenten als Oberbefehlshaber des Heeres und der Marine beeinträchtigen oder behindern.

5. Im Rahmen der Mittel, die dem Informationskoordinator vom Präsidenten zugewiesen werden, kann der Koordinator das erforderliche Personal einstellen und für die notwendigen Materialien, Einrichtungen und Dienstleistungen sorgen.

6. William J. Donovan wird hiermit zum Informationskoordinator ernannt.

 (Unterzeichnet) Franklin D. Roosevelt 

THE WHITE HOUSE

11. Juli 1941

  

14. Juli 1941

Verehrter Herr Minister,

um eine zentrale Regierungsstelle für die Analyse von Informationen und Daten zu schaffen, die die nationale Sicherheit betreffen, habe ich Colonel William J. Donovan zum Informationskoordinator ernannt. In dieser Position wird Colonel Donovan mich und die verschiedenen Abteilungen und Behörden der Regierung bei der Zusammenstellung und Korrelation von Informationen unterstützen, die bei der Formulierung von grundlegenden Plänen für die Verteidigung der Nation nützlich sein können.

Ich möchte betonen, dass Colonel Donovans Arbeit nicht dazu gedacht ist, die Aktivitäten etablierter Behörden, die bereits Verteidigungsinformationen beschaffen und interpretieren, zu ersetzen oder zu duplizieren oder sie in irgendeiner Weise anzuleiten. Als Koordinator ist Colonel Donovan autorisiert, solche Verteidigungsinformationen von den verschiedenen Abteilungen und Behörden sowie von anderen Quellen zu erhalten, die für die Erfüllung seiner Aufgaben notwendig sind. Er wird diese Daten auswerten, sie in Beziehung zu anderen verfügbaren Informationen setzen und die Ergebnisse wiederum mir und den betroffenen Stellen für koordinierte Maßnahmen auf Wunsch vorlegen. 

Zur Erreichung der Ziele, die ich Colonel Donovan gesetzt habe, wird die Zusammenarbeit und Unterstützung aller verteidigungsrelevanten Abteilungen und Behörden erforderlich sein. Ich bitte Sie und Ihre Mitarbeiter im Kriegsministerium daher, Colonel Donovan im Zuge der Durchführung dieser wichtigen Aufgabe die volle Nutzung Ihrer Dienste und Informationsmittel zu ermöglichen.

Mit freundlichen Grüßen

Unterschriften


 

Dokument 2: Manuskript der Rede William J. Donovans über die psychologische Kriegsführung, gehalten in New York am 12. Dezember 1942 

Psychologische Kriegsführung – kein neuer Faktor im Krieg – ihre Bedeutung hat allerdings durch die Bedingungen des modernen Krieges und durch neue Mittel stark zugenommen.

Seit es Kriege gibt, wird psychologische Kriegsführung eingesetzt. Anführer haben immer versucht, Stämme, Individuen oder verbündete Nationen für sich zu gewinnen. Politische Mittel wurden eingesetzt, um die Unterstützung potenzieller Feinde zu gewinnen, um durch Drohungen mit militärischen Aktionen Gehorsam zu sichern und um militärische Aktionen zu verhindern, wenn diese Mittel versagt haben.

Wann immer man es mit professionellen Armeen zu tun hatte, versuchte man, die Befehlshaber durch solche politischen bzw. diplomatischen Maßnahmen zu beeinflussen. Aber jetzt, da ganze Nationen zu den Waffen greifen, mit Zivilisten in Uniform, hat sich der Schwerpunkt einer solchen Kriegsführung geändert.

Aber es ist immer noch so, dass Ziele schneller erreicht werden können, wenn man die Anführer in Bedrängnis bringen kann. Man richtet die Propaganda auf die Zivilbevölkerung, auf ihre nationalen Emotionen, denn dadurch bezieht man nicht nur die Führer mit ein, man zielt nicht nur darauf ab, die Kraft der Kriegsmaschinerie zu zerstören, sondern die politische bzw. militärische Gruppe, die diese Maschinerie betreibt.

Psychologische Kriegsführung ist kein neues Mittel. Sie wurde in jeder Phase der Geschichte praktiziert – die Kriegsbemalung barbarischer Stämme, das Trojanische Pferd, die Kriegselefanten, die Flugblätter und Gerüchte, die von Richelieu benutzt wurden, um die Moral der belagerten Bevölkerung von La Rochelle zu zermürben. Zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Epochen wurden alle diese Mittel eingesetzt.

Das Überraschungsmoment bei militärischen Operationen, also die psychologische Kriegsführung, umgesetzt in Feldtaktik, wird durch List und Tücke, durch Geheimhaltung und Schnelligkeit der Informationsvermittlung, durch Verwirrung und Irreführung des Feindes erreicht. Wenn man die Moral eines Volkes oder einer Armee angreift, trifft man den entscheidenden Faktor, denn es ist die Stärke ihres Willens, die die Länge von Kriegen, das Maß des Widerstands und den Tag des endgültigen Zusammenbruchs bestimmt.

Das gilt für beide Seiten. Im Ersten Weltkrieg wurde die soziale und ideologische Kriegsführung effektiv genutzt.

Aber damals waren die Alliierten Meister dieser Kunst. Sie hatten die kriegführenden Nationen organisiert, die auf drei Kontinenten operierten; sie hatten Italien aus dem Dreibund isoliert; die Vereinigten Staaten für sich gewonnen; die Kooperation Griechenlands gesichert; die Akzeptanz einer Blockade erzwungen, die die wirtschaftliche Strangulierung des Feindes bewirkte, und sie hatten Propaganda eingesetzt, um rassische, ethnische und Klassenunterschiede zu betonen. Sie verzerrten die Motive und Methoden des feindlichen Regimes; zerstörten das Vertrauen der mitteleuropäischen Mächte in die kämpfenden Einheiten; schufen Friedensangebote, die den Feind schwächten und schließlich zerrütteten.

In der Zwischenkriegszeit hatten sich die Demokratien nicht auf die psychologische Kriegsführung vorbereitet, weil sie sich physisch und moralisch nicht auf den Krieg vorbereitet hatten. Aber Hitler hatte sich vorbereitet, und er hatte die Art der politischen Kriegsführung verändert. Er sagte: „An die Stelle des Artilleriesperrfeuers als Vorbereitung eines Infanterieangriffs wird in Zukunft die revolutionäre Propaganda treten. Sie hat die Aufgabe, den Feind physisch zu zersetzen, bevor die Armeen überhaupt in Aktion treten.“ Unter seiner Führung entwickelten die Deutschen die psychologische Kriegsführung zu einer zielgerichteten Wissenschaft und Strategie.

DAS ZIEL UND DIE MITTEL:

In diesem Krieg der Maschinen ist der menschliche Faktor auf lange Sicht wichtiger als die Maschinen selbst.

Es muss ein Wille vorhanden sein, die Maschinen zu bauen, sie zu bedienen und den Abzug zu betätigen. Die psychologische Kriegsführung richtet sich gegen diesen Willen. Ihr Ziel ist es, die Moral des Gegners zu zerstören und die Moral unserer Verbündeten in feindlichen und vom Feind besetzten Ländern zu unterstützen.

Ein Mittel ist die Propaganda. Diese verfügt über mächtigere Mechanismen als je zuvor. Das Radio erreicht jedes Wohnzimmer, Bomber werfen Flugblätter über den Städten ab. Auf geheimen Kommunikationswegen können Berichte in feindliche Länder gelangen.

Doch bei dieser Art des Krieges sind Geheimdienstinformationen ebenso wichtig wie in der orthodoxen, traditionellen Kriegsführung. Man muss die Psychologie des Volkes kennen, die Elemente des Widerstands, den Grad der Kooperation, auf den man zählen kann, wenn sich die eigenen Divisionen dort hineinbegeben. Sie müssen wissen, welche moralischen Auswirkungen Luftangriffe auf diese Region haben. Sie müssen nicht nur das Gelände kennen, sondern auch in der Lage sein, dieses entsprechend vorzubereiten und Kooperationen zu mobilisieren.

Der maßgebliche Sinn in der Verbreitung von Gerüchten besteht darin, dass Sie wissen, was niemand sonst weiß, und alle wissen zu lassen, dass Sie über Wissen verfügen, das sonst niemand hat. Es ist diese menschliche Schwäche, die ausgenutzt werden muss.

Die Munition der psychologischen Kriegsführung besteht aus Ideen, die mächtiger sind als die des Feindes.

Die Nazis wurden in Europa nur unter großem Widerwillen erduldet, der durch aufeinanderfolgende Enttäuschungen und durch die verhältnismäßige Entfernung weiter anwächst. Dem muss man mit der Gewissheit alliierter Siege begegnen. Was wir entgegensetzen, muss konkret sein; muss in individuelle Erfahrung übersetzt werden können. Die Menschen müssen darin eine Perspektive für die eigene Existenz nach dem Krieg erkennen können.

Das ist die Aufgabe, die wir im Hier und Jetzt lösen müssen und nicht in unbestimmter Zukunft, denn wir müssen die Menschen in Europa davon überzeugen, dass unsere Sache auch ihre Sache ist.


 

Dokument 3: Transkription einer vom Columbia Broadcasting System am 29. August 1946 übertragenen Radiosendung mit Überlegungen von John J. Mangan und William J. Donovan zur Notwendigkeit eines permanenten US-Auslandsnachrichtendienstes

 

COLUMBIA BROADCASTING SYSTEM: IN MY OPINION

Donnerstag, 29. August 1946, 6:15 - 6:30 PM

SPRECHER: Columbia präsentiert „In My Opinion“. Jeden Montag- und Donnerstagabend stellen Persönlichkeiten aus unterschiedlichsten Interessensgebieten ihre Standpunkte vor. Es handelt sich nicht um Nachrichten – sondern um persönliche Meinungen.

Die Diskussionsfrage am heutigen Abend lautet: „Welche Art von Geheimdienst braucht Amerika?“ Und heute bei uns, um Stellung zu nehmen, sind Generalmajor William J. Donovan, ehemaliger Direktor des Office of Strategic Services, und Generalmajor John J. Mangan, ehemaliger Leiter der New Yorker Garde, zuständig für die militärische Verteidigung von Manhattan. Den Anfang macht Generalmajor John J. Mangan.

MANGAN: Unser nationaler Bedarf an einem soliden und effizienten Auslandsnachrichtendienst ist ein höchst aktuelles Diskussionsthema. Dass mein alter Freund, College-Kollege und Kriegskamerad aus dem Ersten Weltkrieg heute hier ist, ist ein sicherer Beweis dafür. General Donovan hat als Direktor des Office of Strategic Services während des Zweiten Weltkriegs den Grundstein für eine Organisation gelegt, die auch in Friedenszeiten Fakten sammeln kann. Eine Organisation, die ein detailliertes Verständnis für die Ziele und Bestrebungen anderer Nationen ermöglicht. Nur durch ein solches Verständnis können wir Einvernehmen und Frieden in der Welt erreichen.

Heute Abend sprechen wir über einen Nachrichtendienst in Friedenszeiten, im Gegensatz zur Spionage in Kriegszeiten. Wir sprechen von der Art von Nachrichtendienst, die dazu beitragen kann, eine praktikable Außenpolitik aufzubauen, die dem Erhalt des Friedens dient. Nachrichtendienstliche Arbeit bedeutet Faktenermittlung und Faktenauswertung. Wenn wir einen effektiven Auslandsnachrichtendienst betreiben wollen, sollte er aus Mitarbeitern bestehen, die einen Querschnitt des amerikanischen Volkes repräsentieren, wie es das OSS zu Kriegszeiten tat. Er sollte auf die intellektuellen Ressourcen unserer Nation zurückgreifen. Er sollte zugänglich sein für Freiwillige wie Studenten, Missionare, Touristen, Arbeiter und Wirtschaftsvertreter, die häufig ins Ausland gehen. Und diese heterogene Gruppe sollte dabei helfen,

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Daten über fremde Völker, ihre Kultur, Politik, Wirtschaft, Religion, Folklore und Trachten auszuwerten und zu sammeln. Sie sollte aber auch eine enge Beziehung zur Durchschnittsbevölkerung im fremden Land pflegen. Denn auch unsere nationalen politischen Parteien betreiben ein sorgfältiges Studium der Ansichten und Motivationen unserer Bürger, wenn sie nationale Parteiprogramme entwerfen.

Sie mögen sich sicher fragen: „Was ist mit unserem diplomatischen Dienst? Ist das nicht die Aufgabe von sorgfältig ausgebildetem Personal im amerikanischen Auslandsdienst?“ Leider lautet die Antwort „nein“. Diplomaten haben mit Regierungschefs und Behörden zu tun, die den Willen des Volkes widerspiegeln können oder eben auch nicht. Doch nur durch den Willen des Volkes allein kann eine Regierung bei den mühsamen und stetigen Verhandlungen um den Weltfrieden bestehen.

Ausländische Mächte haben über einen langen Zeitraum unsere lokalen (?) und staatlichen Handlungen verfolgt. Sie sind vertraut mit unseren partikularen Bedürfnissen und unseren Vorurteilen. Und genau darin besteht die Arbeit einer Organisation, die unabhängig von diplomatischen Beziehungen arbeitet. Erinnern Sie sich nur an unser Handicap im Krieg mit Japan. Als der Feind in Pearl Harbor zuschlug, gab es in Amerika nur eine Handvoll vertrauenswürdiger Bürger, die die japanische Sprache fließend beherrschten. Bis in die späten Kriegsjahre hinein waren wir nicht in der Lage zu bestimmen, wie lange die japanische Moral standhalten würde. Wir besaßen kaum Informationen über Japans Fähigkeit, unter dem Einfluss unserer See- und Luftblockade weiterzukämpfen. Und als Japan schließlich zusammenbrach, wurden wir buchstäblich überrumpelt. Wir waren nicht darauf vorbereitet, sofort mit den komplizierten Details der Kapitulationsverhandlungen fortzufahren.

Ähnlich wie beim Football auch ist es natürlich immer einfach, am Montagmorgen die Siege des Vortags Spiel für Spiel Revue passieren zu lassen und auf Fehler hinzuweisen, aber in diesem Fall müssen wir sicherlich eine Bilanz aus den Lektionen ziehen, die wir gelernt haben. Ganz Amerika ist zu Recht stolz auf die bemerkenswerte Arbeit, die General Donovan und seine OSS-Organisation im letzten Krieg geleistet haben. Sie haben wertvolle Dienste für unsere

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international agierenden Streitkräfte erbracht. Und sie leisteten ebenfalls wertvolle Dienste für den Präsidenten und sein Kabinett, indem sie Informationen sammelten und Situationen einschätzten, die alle dazu beitrugen, unsere Außenpolitik mit den etablierten oder noch zu etablierenden Regierungen richtig zu gestalten. Leider sind die zwanzigtausend Männer und Frauen aller Rassen und Glaubensrichtungen, aus denen sich das OSS zusammensetzt, zu ihrem gewohnten Alltag zurückgekehrt. Unsere Repräsentanten, die jetzt mit den Völkern der Erde über einen Weltfrieden verhandeln, für den wir gekämpft haben, stehen allein da, ohne die Hilfe einer Organisation wie General Donovans OSS. Eine solche Organisation sollte jetzt mit ihnen in Europa zusammenarbeiten. Sie haben es bitter nötig.

 SPRECHER: Sie hörten Generalmajor John J. Mangan. Jetzt übergeben wir das Wort an  Generalmajor William J. Donovan.

 DONOVAN: General Mangan hat soeben beschrieben, wie unser Kriegsnachrichtendienst aufgelöst wurde, so dass wir jetzt keine adäquate Nachrichtenorganisation haben. Vor dem Zweiten Weltkrieg nahmen wir in Amerika an, dass wir keine Informationen über andere Nationen brauchten. Als der Krieg kam, mussten wir feststellen, dass wir nicht wussten, was in der Welt vor sich ging. Wir mussten uns bei der Informationsbeschaffung auf die verbündeten und befreundeten Regierungen verlassen. Und selbst dann waren wir nicht in der Lage, die Informationen, die wir erhielten, zu nutzen, weil die Dokumente und Berichte über den Feind über verschiedene Regierungsstellen verstreut waren und weder zusammengeführt noch analysiert wurden, um uns die Informationen zu geben, die wir benötigten. Erst später, während der Untersuchung von Pearl Harbor, fanden wir heraus, dass wir im Dezember 1941 über Informationen verfügten, die, wenn sie richtig aufbereitet und interpretiert worden wären, uns vielleicht verraten hätten, was Japan im Dezember 1941 zu tun beabsichtigte.

Kurz vor Pearl Harbor hatte mich der Präsident gebeten

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Vorschläge zum Aufbau eines amerikanischen Nachrichtendienstes zu unterbreiten. Ich legte einige Empfehlungen vor. Der Präsident gründete daraufhin eine Organisation, die diese Empfehlungen ausführen sollte, das spätere Office of Strategic Services.

In dieser Behörde taten wir Folgendes: Wir sammelten Informationen über feindliche Länder, ihre militärische Stärke, ihre interne Wirtschaft, ihre Versorgungswege, ihre Moral und ihre Beziehungen zu ihren Nachbarn. Wir brachten ausgebildete Forschungsspezialisten von den Universitäten, aus der amerikanischen Wirtschaft und von den Arbeiterorganisationen zusammen. Anhand der vorliegenden Informationen und Materialien erstellten diese Männer schon bald zuverlässige und umfassende Berichte für den Präsidenten und seine strategischen Berater. Auf diese Weise begannen wir nach und nach, die Absichten und die Stärke des Feindes aufzudecken.

Hier mal zwei Beispiele für die Dinge, die wir gemacht haben: Unsere Wirtschaftswissenschaftler waren in der Lage, die Stärke der deutschen Armee und Industrie durch eine sorgfältige Analyse der Todesfälle deutscher Offiziere, über die in deutschen Zeitungen berichtet wurden, zu berechnen. Wir erfuhren, wie hoch die deutsche Produktion von Panzern und Kampfflugzeugen war, indem wir Hunderte von Fabrikplaketten auswerteten, die von erbeuteten deutschen Panzern und Flugzeugen stammten.

Im OSS lernten wir schnell, dass man nicht alle kriegsnotwendigen Informationen beschaffen kann, wenn man nur in Washington sitzt. Und man kann die Informationen auch nicht von einem Washingtoner Schreibtisch aus dorthin liefern, wo sie gebraucht werden. Also wurden auf jedem Kriegsschauplatz OSS-Hauptquartiere eingerichtet, in England, Nordafrika, der Schweiz und Schweden, von denen aus wir Agenten und Guerillakämpfer in das besetzte Frankreich, Belgien, Holland, Deutschland, Österreich, Jugoslawien und Italien schickten – auf der anderen Seite des Globus operierten wir in Siam, China, Burma und Indochina. Das war ein effektives Nachrichtensystem für den Krieg. Informationsbeschaffer und Kämpfer hinter den feindlichen Linien sowie Gelehrte, die von Washington bis zur Frontlinie eingesetzt wurden. Männer, die die erhaltenen Informationen interpretieren und an den Beamten oder Kommandanten weitergeben konnten, der sie benötigte.

 Lassen Sie mich ein Wort über diese Männer sagen. Sie waren alle Amerikaner.

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Viele von ihnen sind französischer, italienischer, deutscher, siamesischer oder chinesischer Abstammung. Aber jetzt sind sie alle Amerikaner. Die Alliierten haben uns oft gesagt, dass diese Mischung aus Nationalitäten in Amerika eine Schwäche sei und von unseren Feinden durchdrungen und ausgenutzt werden könnte. Aber wir haben das Gegenteil bewiesen und diesen angeblichen Nachteil in einen großen Vorteil umgewandelt. Nur der amerikanische Schmelztiegel konnte eine solche Vielzahl an Experten mobilisieren, die sich in fremden Ländern auskannten und das gereichte uns zum großen Vorteil bei all unseren Kriegsanstrengungen. Jetzt, wo der Krieg vorbei ist, wurde diese Nachrichtenorganisation aufgelöst. Ich würde empfehlen, sie zwar als Kriegsbehörde aufzulösen, aber ihr angehäuftes Wissen in Friedenszeiten unter der Leitung einer anderen Behörde zu erhalten, um dem Land bei seinen gegenwärtigen ernstzunehmenden Problemen zu dienen. Aber dafür wurde sehr wenig getan. Fast das gesamte Personal des Geheimdienstes mit seinen Kenntnissen in den Sprachen, der Wirtschaft und der Politik anderer Nationen ist der Regierung verloren gegangen, wie General Mangan Ihnen bereits berichtet hat. Es gibt keinen zentralen Nachrichtendienst mehr, für den sie tätig sein könnten.

 Was für einen Nachrichtendienst brauchen wir also in Friedenszeiten? Unsere Kriegserfahrungen zeigen, dass unser amerikanisches demokratisches System keine Verwendung für eine Gestapo, zwielichtige Spione oder sexy Blondinen hat. Wir wollen auch keine "teacup intelligence", wie sie General Marshall beschrieben hat – d. h. Nachrichten, die von Diplomaten bei Dinnerpartys aufgeschnappt werden. Wir haben unsere Informationsexperten im Krieg mobilisiert, und wir sollten dies auch in Friedenszeiten tun, um einen Krieg zu verhindern. Wir brauchen eine unabhängige, unparteiische Behörde, die sich aus den besten Experten zusammensetzt, die wir bekommen können. Wir brauchen sie als ein Instrument des Friedens. Die Solidität unserer Außenpolitik ist unsere Hoffnung auf Frieden, und unsere Außenpolitik kann nur so gut sein wie die Informationen, auf die sie sich stützt. Unsere politischen Entscheidungsträger, insbesondere bei den Vereinten Nationen und bei der Friedenskonferenz, sollten über die besten Informationen verfügen, die wir ihnen geben können. Sie dürfen nie wieder in die Lage geraten, in der sie sich 1941 befanden – unsicher über die 

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genauen Absichten unserer potentiellen Feinde und ahnungslos bezüglich der Macht unserer Verbündeten.

Der einzige sichere Weg, wie wir dies erreichen können, ist die Einrichtung einer Art von Nachrichtendienstorganisation – die, wie uns die Erfahrung seit '41 gelehrt hat – wirklich effektiv ist. Wir müssen unsere Experten in einer unabhängigen Behörde vereinen. 

Eine solche Behörde kann alle unsere Informationen koordinieren, so dass wir unabhängig und unvoreingenommen im Dienste unserer politischen Entscheidungsträger handeln können. Wir müssen dies tun, denn nur dann werden wir wissen, was in der Welt vor sich geht. Mit diesem Wissen können wir unsere Nation durch einen langfristigen Frieden stark und entschlossen schützen. Wenn wir das nicht tun, werden wir die vorderste Verteidigungslinie für unsere Sicherheit und unsere Freiheit zerstören.

SPRECHER: Sie hörten „In My Opinion“, eine regelmäßig ausgestrahlte Sendereihe von CBS, die eine Vielzahl von persönlichen Meinungen aus vielen aktuellen Bereichen präsentiert. Die Gäste des heutigen Abends waren Generalmajor William J. Donovan, ehemaliger Direktor des Office of Strategic Services, und Generalmajor Mangan, ehemaliger Chef der New Yorker Garde, zuständig für die militärische Verteidigung von Manhattan. Beide präsentierten ihre Meinungen zu der Frage  „Welche Art von Geheimdienst braucht Amerika?